Wenn einer eine Reise tut...

...dann kann er was erzählen.
Drum nähme ich den Stock und Hut und tät das Reisen wählen.
Matthias Claudius (1740 - 1815)

 

Erzählt habe ich in den vergangenen Monaten reichlich, und selber hatte ich den grössten Spass daran. Du, lieber Leser, standest stets im Mittelpunkt meines Blogs, den ich ohne DICH nicht realisiert hätte.

 

Und nun, wo die Reise fertig ist, ist sie eben doch noch nicht fertig. Nun beginnt die Denkarbeit. Was haben wir gelernt? Was nützt eine solche Reise? Welche Eigenschaften sind wie Blumen auf den Wiesen der Kontinente, die man bei sich daheim gerne anpflanzen möchte? Welche errungenen Eigenschaften möchte man unbedingt behalten, von den "Ferien" mitnehmen in den Alltag? Wie haben wir uns verändert, und ganz zentral war und ist für mich die Frage, welche Auswirkungen hat eine Reise auf Kinder?

 

Ausdauer

"Durchhalten" durften, konnten, mussten wir lernen und in unzähligen Situationen üben, üben, üben.

Zum Beispiel auf den bis zu 26 Stunden dauernden Zugfahrten in Kasachstan und China. Oder auf den langen Busfahrten in Argentinien (die längste Fahrt dauerte 15 Stunden). Auch im eigenen Fahrzeug auf nie enden wollenden Schotterpisten, im Staub, durch Bäche und Flüsse, immer mit der Angst im Nacken, dass das Auto am einsamsten Ort zusammenbricht oder stecken bleibt.

Wir sind viel gewandert, und es gab Situationen, in der die Lust vergangen, die Beine müde und der Hals trocken war, weil das letzte Wasser getrunken und die Sonne heiss und erbarmungslos auf uns niederbrannte. Wir meisterten diese Situationen, feuerten uns gegenseitig an und mussten doch realisieren, dass die wahre Motivation nur von Innen kommen kann.

Was bleibt ist das Gefühl: "Egal welche Situationen die Zukunft für mich bereithält: Ich schaffe es! (Ich habe schon viel härtere Situationen überstanden)".

In diesem Zusammenhang bewundere ich meine Kinder über alles. All' dies als Erwachsener zu lernen, ist schon ein ganz schönes Stück Lebensschule. Dass Joël und Jérôme diese schwierige Disziplin mit einer Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit angingen, dass sie mir manchmal sogar ein Vorbild waren, überraschte mich über alle Massen.

 

Offen sein für Neues

Die Länder, die wir bereisten, könnten unterschiedlicher nicht sein und unterscheiden sich zum Teil ganz vehement von dem wir kennen. Man stelle sich vor: Nudelsuppe zum Frühstück, ist nicht Jedermanns Sache. Daran gewöhnen ist schwierig, aber wenn es nichts anderes gibt, unumgänglich. Nicht nur bei den Essensgewohnheiten mussten wir immer wieder loslassen und uns ganz neu orientieren, auch was die Landschaften, das Klima, die Höhenlage und ganz besonders die Anzahl Menschen pro Quadratmeter, waren immer wieder eine Überraschung.

In dieser Beziehung haben wir Erfahrungen gesammelt und je länger die Reise ging, umso selbstverständlicher war es, dass Ungewohntes auf den Tisch kommt und dass Situationen immer wieder ganz neu sind. Und das dies kein Problem per se ist, sondern, dass jede neue Situation irgendwann "normal" wird.

 

Auf Menschen zugehen

Ob du dir einen Mitspieler zum Fussballspielen wünschst, eine Kollegin zum Kaffeetrinken, oder nur Salz für die Suppe brauchst: Geh' auf deine Mitmenschen zu. Auch wenn sie dir am Anfang fremd, manchmal sogar anders oder komisch erscheinen, wirst du merken, dass sie eigentlich ganz nett wenn nicht überaus liebenswürdig, lustig sind und Freunde werden können. Aus der Fremdheit wird Vertrautheit, der Fremde wird zum Freund. Der erste Eindruck täuscht oft, gib' den Menschen eine zweite und dritte Chance, sie kennenzulernen.

 

Die Menschen sind überall gleich

Eine wichtige Erkenntnis, die einem alles Fremde ein bisschen Näher bringt. Was die Menschen im Kern bewegt, nachdem die Grundbedürfnisse abgedeckt sind, ist auf der ganzen Welt gleich. Es sind grosse, starke Gefühle, wie Liebe und Hass, Mitleid und Hilfsbereitschaft, Eifersucht und Neid, die die Menschen bewegen. Und wenn man es mal so betrachtet, merkt man auf einmal, dass man mit der Frau unter dem Kopftuch, mit dem Rikschafahrer auf seinem Velo und dem Regionalpolitiker in der Pampa viel mehr gemeinsam hat, als man gedacht hätte.

 

 

Enthaltsamkeit

Der Spruch "weniger ist mehr" war uns ein ständiger Begleiter. Unser Gepäck war beschränkt auf unsere 4 Rucksäcke und konnte nicht vergrössert werden, da wir sonst nicht mehr im Stande gewesen wären, unser Gepäck zu tragen. Immer wenn wir also etwas neues kaufen wollten, mussten wir uns von etwas altem trennen. Unzählige Male mussten wir den Kindern erklären, dass wir etwas nicht kaufen konnten, weil wir nicht mehr tragen konnten. Das war nicht immer einfach, insbesondere an Weihnachten. Da mussten wir uns auf ganz kleine, handliche Geschenke einigen. Und irgendwie war es sogar schön, nicht soviel zu haben.

Man stelle sich nur einmal vor, wie einfach die Auswahl zwischen 2 T-Shirts am Morgen ist, im Vergleich zu 20 daheim!

 

Teamwork

Eine Familie, die eine lange Zeit miteinander verbringt, wird zwangsläufig zu einem Team. Nur gemeinsam ist es möglich, dass alle auf ihre Kosten kommen. Voll Freude im Herzen erinnere ich mich an die denkwürdige Wanderung im Torres del Paine Nationalpark, als wir dem Wind strotzten und den Fluss überqueren mussten. Nur gemeinsam, mit dem Einsatz jedes Einzelnen, konnten wir dieses Hindernis meistern.

Aber auch ganz alltägliche Aufgaben wie Kochen, abwaschen und so, erledigten wir im Team. Im letzten Monat flippte ein Uruguayer, der uns lange beobachtet hatte, fast aus. Er konnte nicht glauben, wie wir das Abendessen gemeinsam zubereiteten und den Abwasch erledigten. Er erzählte uns, dass keiner seiner Freunde dies glauben werde, wenn er ihnen von unserem Teamwork erzähle. So erstaunlich fand ich es zwar nicht, aber es wurde mir schon auch bewusst, wie wir zusammengewachsen waren in den 7 Monaten. Jeder einzelne zählte, nur gemeinsam schafften wir es!

 

Zeit ist relativ

Von Anfang an freuten wir uns auf die Rückkehr in die Schweiz. Aber sie schien soooo weit weg! 7 Monate sind eine lange Zeit, wenn man am Beginn steht. Im Nachhinein meinten aber sogar die Kinder, die 7 Monate seien recht schnell vorbeigegangen.

Für mich persönlich ist es so, dass ich in diesen Monaten so "herunterfahren" konnte, wie noch nie in meinem Leben, ich glaube ich war noch nie so relaxed.

 

Ich spreche deine Sprache

Wenn man sich mit den Leuten unterhalten kann, ist das Leben viel einfacher und amüsanter. Es eröffnen sich neue Möglichkeiten, man muss es nur wagen. Und da die meisten Menschen nicht Schweizerdeutsch sprechen, lohnt sich das Erlernen jeder einzelnen Sprache. Der Bekanntenkreis wird immer grösser, je mehr Sprachen man spricht und die Leute begegnen einem viel offener und lachen meist, wenn man sich die Mühe gibt und in ihrer Sprache spricht. Und im Vergleich zum anstrengenden Sprachstudium zu Hause geht es umso leichter und macht mehr Spass, wenn man sich im Land befindet!

Wir haben alle unsere Englisch-, Spanisch- und Russisch-Kenntnisse aufgebessert und ich bin begeistert, dass Thierry und Joël so gut Spanisch gelernt haben. Und nebenbei noch so gut und fliessend Englisch. Echt toll. Auch Jérôme versteht mehr als man glaubt!

 

Geografie-Kenntnisse

Die Situation, dass man krampfhaft versucht die Namen der Flüsse auf der ganzen Welt zu merken, kennt jeder. Wenn man aber selber an diesen Orten war, wird die Geografie lebendig. Man weiss nicht nur, wo sich die Städte, Bergketten, Seen und Flüsse befinden, sondern kennt auch das "Feeling", man weiss, wie es sich anfühlt dort zu sein. Und das ist das allerschönste, und für mich vermutlich der Antrieb für meine Reisen. Ich möchte wissen, wie sich das Leben irgendwo auf diesem Planeten anfühlt!

 

Fazit

Alles in allem sind die Errungenschaften, die wir von unserer Reise zurück bringen, mit keinem Geld der Welt bezahlbar. Es sind Juwelen in unserer Erinnerung und sie bilden ein Fundament in der gemeinsamen Beziehung innerhalb der Familie. Wir sind sehr zusammengewachsen, durch die viele Zeit, die wir miteinander verbracht haben.

 

Wer sich durch alle diese Statements bestätigt fühlt, vielleicht selber mit dem Gedanken an eine grosse Reise spielt, dem möchte ich folgenden chinesischen Spruch mitgeben:

 

Eine Reise von tausend Meilen beginnt mit einem einzigen Schritt.

Lao-tse (6. Jahrhundert v.Chr.)

 

 

 

 

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Odile + Lüz (Freitag, 23 März 2012 22:30)

    Il m'arrive encore avant d'aller me coucher, de consulter votre blog (l'habitude durant 7 mois) et quelle belle surprise: 19 mars, un nouveau texte et comme tous les autres: SUPER ! Merci encore une fois. Toutes vos réflexions sur votre voyage nous donnent aussi à réfléchir !
    Bisous,
    Muschka/Nani + Lüz/Neni

  • #2

    Nathalie, Juan und Nahuel (Montag, 26 März 2012 15:43)

    Hast Du schon einen Verleger? ;-) Deine Worte-Eure Geschichte-so fesselnd und lebendig wie die Geschichten von Isabelle Allende! Kompliment! Bin auf "Band 2" gespannt ;-)
    Weiterhin gutes relaxen ;-)
    Abrazos y besos
    Ps: Falls Ihr Euer Spanisch weiterhin auffrischen wollt, seid Ihr natürlich immer herzlich willkommen bei uns ;-)

Momentaner Aufenthaltsort

Highlights

  • Bergkette im Sueden Kasachstans
  • Boomende Staedte in China, Beijing und Shanghai
  • Einsamkeit und Schoenheit der Natur in Kanada
  • Besuch bei Onkel Christian in Kalifornien USA
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  • Das beeindruckendste Bauwerk: der Panama Kanal
  • Canyons im Norden Argentiniens, Gletscher, Wind und Endzeitstimmung in Patagonia und Tierra del Fuego
  • Sandduenen und gemuetliches Strandleben in Uruguay